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Von Klaus Schuker
"Aber ich bitte dich, mein Wölkchen! Du weißt doch, daß Tanzen schon immer meine schwache Seite war. Ich trete dir bestimmt wieder auf deine Füße. Wie damals, weißt du noch? Wir waren auf dem Fest von Karlheinz Böhm und Romy Schneider, kurz nach dem großen Erfolg von SISSY. Ich bin dir während des Walzers auf deinen rechten Fuß getreten, daß dein großer Zeh tagelang rot war wie eine Kindernase nach einer Schneeballschlacht."
Er sah sie schmunzeln und wußte, daß er nicht um den Tanz herumkommen würde. Und insgeheim war er stolz darauf, auch heute noch ihr unbestrittener Star zu sein.
So wie damals, als ihm von allen Seiten eine atemberaubende Karriere beim Film prophezeit worden war. Manche hatten ihn von seinem Talent her auf eine Stufe mit Heinz Rühmann, Hans Söhnker und anderen gestellt. Ja, die beiden gehörten zur Creme des Films, und doch konnte keiner von ihnen den Typ des Dandy so exquisit darstellen wie er. Er erinnerte sich noch sehr genau an die Szene in der Komödie LACH DOCH AUCH AM ABEND, als er beleidigt sein mußte, nachdem die Gastgeberin, die gleichzeitig die Hauptdarstellerin war, ihn den ganzen Abend hatte links liegen lassen. Er war so gut gewesen, daß sogar der gefürchtete Kritiker von der MORGENPOST ihm bescheinigte, die Hauptdarstellerin in den Schatten gespielt zu haben. Natürlich war es auch überzeugend gewesen, wie er ihr beim Abgang in dieser Szene die Hand küßte, als wenn er die erquickendste Unterhaltung mit ihr gehabt hätte.
"Und du möchtest wirklich mit mir tanzen, mein Wölkchen?"
Er bemühte sich, seiner Stimme einen gelangweilten Klang zu geben. Sie sagte nichts dazu, lächelte nur. Ach, wie er dieses Lächeln liebte, es Tag für Tag aufsog. Sie war auch heute noch sein bestes Publikum. Und wenn sie lächelte, wußte er, daß er seine Rolle gut spielte. Mit einer elegant nachlässigen Bewegung strich er sich nun über sein Haar und machte einen Schritt auf sie zu. Ihr Lächeln verstärkte sich. Er wußte warum: Sie lachte wegen seiner Glatze. Aber er konnte es nicht lassen. Die Bewegungen von damals steckten einfach in ihm drin. Er war ein begnadeter Schauspieler.
"Du lachst mich aus, Wölkchen", hielt er ihr beleidigt vor. "Warum? Spiele ich heute schlecht?"
Er stellte sich vor den Spiegel mit dem verschnörkelten Rahmen und rückte den Knoten seines Morgenmantels wieder zurecht. Dann beugte er sich so weit vor, daß von seinem Atem das Glas beschlug, bevor er mit Daumen und Zeigefinger ein hervorstehendes Haar aus seiner rechten Wimper zupfte.
"Du denkst jetzt bestimmt wieder, ich sei eingebildet."
Mit einem energischen Ruck drehte er sich zu ihr um.
"Ich habe doch recht, Wölkchen? Nein? Aber ich sehe es dir an. Du weißt doch, daß Schauspieler die besten Psychologen sind."
Er hörte ihr beruhigendes Nein und war zufrieden. Seine Hände in die Manteltaschen schiebend, stolzierte er durch das Zimmer. So wie damals in der Kriminalkomödie MÜSSEN MORDE TRAURIG SEIN?. Kurz darauf war er von dem Schuß des Mordschützen tödlich getroffen worden. Es war eine der ersten Szenen des Filmes gewesen und in einer seriösen Zeitung war danach bedauert worden, daß er sich so früh vom Publikum hatte verabschieden müssen. Schuld war das Drehbuch gewesen; er hatte sofort bemängelt, daß es ihm diese Rolle beinahe unmöglich machte, sein ganzes Können ausspielen zu können. In HEISSES EIS UND KALTE LIEBE oder DER SANDMANN SCHLÄFT HEUT' NACHT ALLEIN war es genauso gewesen. Nie hatte er die entscheidende Rolle bekommen, mit der er die Leinwand hätte erobern können.
"Wenn es dein Wunsch ist, Wölkchen, tanze ich natürlich mit dir. Du mußt eben achtgeben auf deine Füße. - Wie? Ich kann auch aufpassen? Natürlich! Wie wenn ich dir schon einmal mit Absicht auf die Füße getreten wäre. Bist du böse auf mich? Nein!… Ich rede nur zuviel?"
Scheinbar zaghaft läuft er auf sie zu und versucht dabei, sie mit seinem vielgerühmten gewinnenden Lächeln zu beeindrucken. Nachsichtig lächelnd wartet sie auf ihn.
"Oh, entschuldige bitte, Wölkchen, ich habe die Musik vergessen. Ist es nicht komisch? Immer vergesse ich die Musik, wenn du mit mir tanzen möchtest. Aber ich liebe dich… - glaubst du mir? Was soll ich auflegen? STRANGERS IN THE NIGHT, gespielt von Bert Kaempfert, oder TANZE MIT MIR IN DEN MORGEN mit Gerhard Wendland? Ach nein, ich weiß was: WENN ERST DER ABEND KOMMT mit Peter Alexander. Das ist doch dein Lieblingslied."
Peter Alexander singt bereits, als er mit weichen, federnden Schritten bei ihr angelangt ist. Er sieht nicht, daß die Zimmertür aufgeht. Und er sieht auch nicht den nachdenklich blickenden Stationspfleger, der nicht darüber lacht, daß er mit verträumtem Blick durch das Zimmer tanzt, in den Händen ein Bild mit dem Gesicht einer Frau, um deren Lippen ein zartes Lächeln spielt. Der Pfleger schließt die Tür wieder, leise, stört nicht das Glück des alten Schauspielers.
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