Hinter ihr die Kirche. Daneben der Friedhof, vor unangemessenen Blicken durch die akkurat geschnittene Hecke geschützt. Am Ufer – sie. Die Sonne brennt. Nur über Florian wirft der mächtige Kastanienbaum auf der kleinen Insel neben ihm seinen Schatten. Florian beobachtet Lisa, meint einen feuchten Schleier unter ihren Augen zu erkennen. Vielleicht spiegelt sich auch nur das Wasser darin, dessen Oberfläche von kleinen Wellen gekräuselt wird. Es ist ohne Bedeutung, ist entschieden.
Florian blickt langsam in die Runde. Rechts neben der Kirche steht das Schulgebäude, unbehelligt vom Rumoren der Kinder in seinem Inneren. Davor die Lärche, in deren Rinde er schon vor zwei Jahren "Ich liebe Lisa" hineingeritzt hat. In einer mondlosen Nacht. Am nächsten Tag hatte er es selbst kaum lesen können und das höhnische Gelächter der anderen nur zu gut verstanden. Vorsichtshalber hatte er in dieses Gelächter mit eingestimmt. Das Herz um dieses "Ich liebe Lisa" war ihm völlig mißlungen.
Florians Blick schweifte weiter, erfaßte die kleine Insel mit dem dichten Schilfgras und dem herrlich feinen, weichen Sand, auf die er sich am liebsten zurückzog. Mit Lisa. Wenn sie mitging, was selten der Fall war. Und auch dann nur, wenn andere bereits auf der Insel waren. Stets hatte sie sich bemüht, nicht allein mit ihm zu sein. Meistens war es ihr gelungen. Dabei war ihm nie auch nur einer ihrer versteckten Blicke entgangen, mit denen sie ihn immer wieder musterte. Natürlich hatte er es sich nie anmerken lassen, weil er nicht wollte, daß sie mit diesen Blicken aufhörte. Auch jetzt, in dieser Sekunde, schaute sie in seine Richtung. Florian war sich nicht sicher, ob sie ihn wirklich sah. Sie konnte es sich leisten, in einem Jungen einfach einen Jungen zu sehen. Besonders wenn er dazu noch in eine Klasse unter ihr ging. Mit fünfzehn Jahren zählt jedes Jahr. Keine Frage: Es hatte soweit kommen müssen.
Florian zog das Messer heraus. Er tat es ruhig, mit einer langsamen Bewegung. Sofort fühlte er sich ein wenig leichter. Von der Lärche verdeckt, konnte er allein den Dachfirst von Lisas Elternhaus erkennen. Eines von vielen neuen Häusern, die seit Jahren ins Dorf hineingequetscht wurden. Hell schimmerte das Rot der Dachziegel durch den Wipfel der Lärche. Heller als das dunkle Rot seines Herzens, das er Lisa geschenkt hatte, die immer noch am Wasser stand und in seine Richtung starrte, hinter sich das kurze, ansteigende, steinbedeckte Ufer. Florian war sich inzwischen sicher, daß sie ihn auch jetzt nicht richtig sah. Sein Herz blutete.
Langsam glitt er auf sie zu. Sah ihre blauen Jeans, die gelbe Bluse. Spürte die Sehnsucht in sich aufsteigen, ihren schlanken weichen Körper zu berühren, ihn in seine Arme zu nehmen und für immer an sich zu drücken. Bestimmt war er weich, warm und weich.
Während Florian unmerklich näher an sie herantrieb, überlegte er, was er noch tun könnte, bis es soweit war. Lange würde es nicht mehr gehen. Als Lisa sich von ihm wegdrehte, erschrak er. Sie durfte nicht gehen, noch nicht. Sonst war alles umsonst. Lisa blieb, drehte sich sogar wieder um. Vielleicht hatte ein unbekanntes Geräusch sie erschreckt. Inzwischen war er nähergekommen, konnte ihr feines, klares Gesicht, umrahmt von den kurzgeschnittenen braunen Haaren, erkennen. Der feuchte Schimmer unter ihren Augen war keine Spiegelung des Wassers. Es waren Tränen, die sie soeben mit ihren Handrücken wegwischte. Am liebsten hätte Florian ihr zugerufen, daß sie sich nicht grämen solle, nicht traurig sein dürfe. Er hätte sie gern getröstet, aber er sagte nichts, weil er nicht wollte, daß sie durch Zuruf auf ihn aufmerksam wurde. Sie sollte seiner selbst wegen auf ihn aufmerksam werden.
Florian packte das Messer fest an seinem Griff. Er durfte es nicht loslassen. Es war an der Zeit, das alles zu beenden. Erst jetzt verstand er seinen Vater besser, der immer davon sprach, daß man unter jede Sache irgendwann einen Schlußstrich ziehen müsse.
"Sonst bleibst du ewig in der Vergangenheit."
Bis heute hatte er über solche und ähnliche Bemerkungen von ihm und anderen Erwachsenen immer lautstark gelacht. Bewußt lautstark. Mit Lachen an den falschen Stellen konnte man Erwachsene in den Wahnsinn treiben.
Von ferne hörte er einen Kieslaster dem Dorf sich nähern. Aus dem Inselschilf schoß ein Vogel in den blauen Himmel. Die Sonne trieb dicke Schweißperlen auf Florians Stirn.
Sie schrie, als er nur noch wenige Meter von ihr entfernt war. Ein lauter gellender Schrei, dessen Buchstaben Florian schon nicht mehr zu einem sinnvollen Wort zusammensetzen konnte. Lisa machte auf dem Absatz kehrt und rannte davon. Da ließ Florian das Messer fallen. Während es sofort im Wasser versank, tauchte auch er zum ersten Mal unter, schaffte es aber, noch einmal hochzukommen. Er war mit einemmal müde, unsagbar müde. Als das Wasser abermals über ihm zusammenschlug, konnte er die rote Verfärbung sehen. Sein Herz blutete aus nach dem Stich, den Lisa ihm versetzt hatte. Schmerzen spürte er bereits seit seinem Sturz ins Wasser nicht mehr. Gerne hätte er nochmal mit ihr gesprochen und ihr erklärt, daß sie das Messer in seiner Hand falsch gedeutet hatte. Nie in seinem Leben hätte er ihr etwas angetan, nie. Schließlich liebte er sie doch.