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Kurzgeschichte von Klaus Schuker

 

Die Besuche der Touristen hatten dem kleinen alten Schloß weitere Narben hinzugefügt und so das Werk langsamer Zerstörung fortgesetzt, das die Zeit und ihre Geschichten begonnen hatte.

Ferdinand Imbruch ließ die geführte Gruppe an sich vorbeiziehen.

"Der Fürst kam insgesamt nur sechsmal hierher aufs Schloß", erklärte die Gruppenleiterin den vielleicht zehn interessierten, durchweg älteren Leuten. Sie war um die Vierzig, hübsch, mit Sommersprossen im Gesicht, das von dichtem rotem Haar umrahmt wurde. Nur ihre Stimme empfand Imbruch als eine Spur zu laut für diesen Ort der Vergangenheit.

"Warum?" wollte eine Frau mit streng nach hinten gekämmten Haar wissen; Imbruchs Schätzung nach mochte sie gut und gern um die achtzig Jahre alt sein. Ein Klacks gegen dieses Schloß, das laut der Informationstafel draußen am Eingang von 1624 bis 1626 erbaut worden war. Nach einer längeren Reise zurück von einer Geschäftsbesprechung hatte er kurzentschlossen hier gehalten, nachdem ihn ein Sekundenschlag dringend gemahnt hatte, eine Rast einzulegen. Eigentlich war er kein Freund von Vergangenheit; seiner Meinung nach hielten Gegenwart und Zukunft allein schon genügend Beschwerlichkeiten bereit.

"Nun, er starb zu jung."

"Ooh…" stöhnten die Fragerin und eine weitere Frau mitfühlend auf.

"Ja, er wurde gerade mal 27 Jahre alt, als er, auf dem Weg hierher, von einer Gruppe Wegelagerer überfallen und erschlagen wurde."

"Nein, so was!" entfuhr es einer anderen Frau, während der Mann nebenan ihr einen mißbilligenden Blick zuwarf. Allen Mitgliedern der Gruppe gemein war jedoch das neuerwachte Interesse; gebannt starrten sie auf die Lippen der rothaarigen Frau. Diese erzählte mit neuem Elan und noch lauterer Stimme die kurze Geschichte des tödlichen Überfalls auf den jungen Fürst. Davon, wie die Wegelagerer zunächst seine zwei bewaffneten Begleiter mit Pfeilen erschossen, bevor sie sich auf den Fürst selbst stürzten, ihn vom verletzten Pferd rissen und trotz heftigster Gegenwehr dahinmeuchelten.

Während die Rothaarige die Geschichte mit wachsender Begeisterung erzählte, umringt von den teilweise vor Aufregung roten Gesichtern ihrer Zuhörer, hatte Imbruch bemerkt, daß sie ihn mehrmals mit prüfenden Blicken angeschaut hatte. Auf einmal fühlte er sich beschämt. Wahrscheinlich wollte sie ihm mit diesen Blicken bedeuten, daß er kein Recht hatte, von ihrem Wissen zu zehren, ohne dafür bezahlt zu haben. Also entschied er sich, zu einem der kleinen Fenster zu gehen und einen Blick hinauszuwerfen. Es hätte ihm gerade noch gefehlt, nach einem sowieso schon anstrengenden Tag noch einen Verweis von dieser rothaarigen Frau zu erhalten. So hörte er zwar noch die Frage einer der Männer, ob die Mörder gefaßt worden seien, jedoch schon nicht mehr ihre Antwort darauf.

Es dauerte nicht lange und die Gruppe begab sich in den nächsten Raum. Imbruch bemerkte aus den Augenwinkeln, wie die hübsche Frau ihn neuerlich mit einem, wenngleich dieses Mal eher nachdenklichen Blick bedachte. Hatte er sich mit seiner ersten Deutung vorhin geirrt? Mißmutig schüttelte er seinen spärlich behaarten Kopf und starrte zu dem kleinen, von außen vergitterten Fenster hinaus. Augenscheinlich befand er sich auf der rückwärtigen Seite des Schlosses. Zu seiner Rechten befand sich ein dichter, dunkler Tannenwald, in den ein wagenbreiter Weg mündete. Vermutlich waren auf diesem vor Jahrhunderten die Bauern mit ihren Karren gekommen und hatten dem Fürst ihre Waren feilgeboten oder aber ihren Zehnten abgeliefert. Imbruch hatte keine Ahnung, ob er mit seiner Vermutung richtig lag; es interessierte ihn auch nicht sonderlich. 400 Jahre Vergangenheit waren zuviel, als daß er sich damit groß auseinandersetzen wollte. Ihn beschäftigte viel mehr die Frage, ob der fest eingeplante Auftrag für sein kleines Unternehmen nach der gestrigen Besprechung überhaupt zustande kommen würde.

Links des Wäldchens gab es ein in vollem Saft stehendes Weizenfeld, das sich hügelig bis zum Horizont erstreckte. Wiederum links davon grenzte ein lichtes Wäldchen, an dessen Rand ein kleiner Bach verlief, dessen Wasser im Sonnenlicht an verschiedenen Stellen zu glitzern schien.

Imbruch wollte sich gerade von dem erhebenden Anblick abwenden, als er von rechts ein seltsames, trappelndes Geräusch hörte. Unwillkürlich ruckte sein Blick zu dem Tannenwald, doch der war zu dunkel, als das er etwas hätte sehen können. Imbruch schaute sich nach hinten um. Möglicherweise hatte ja noch jemand anderes das seltsame Geräusch gehört. Doch da war niemand. Indessen wurde das Getrappel immer lauter, ungestümer. Kein Zweifel, es mußte sich um eine größere Gruppe Berittener handeln. Imbruch drehte sich wieder dem Fenster zu – und da sah er sie. Mindestens zehn schwerbewaffnete Ritter auf mächtigen, edel geschmückten Rössern waren aus dem Tannenwald geschossen und hatten direkt davor angehalten. Einer der vorne stehenden Ritter hielt eine reich verzierte gelbe Fahne in seiner Linken. Allesamt waren es kräftige Männer, Vorläufer eines Arnold Schwarzenegger, gestählt von der damaligen Zeit und ihren gnadenlosen Anforderungen. Was aber hatten sie hier zu suchen? Offenbar wußten sie das selbst nicht so genau, denn einige gestikulierten wild in unterschiedlichste Richtungen. Imbruch meinte, teilweise die brennenden Blicke durch die schmalen Sehschlitze sehen zu können. Ein unangenehmes Gefühl beschlich ihn. Dieses verstärkte sich abrupt, als der Blick von einem der Berittenen auf ihm verharrte und er gleich darauf die anderen auf ihn, Imbruch, aufmerksam zu machen schien. Instinktiv zuckte er zurück, doch es war zu spät. Die Ritter zogen ihre Schwerter aus den Scheiden, spornten ihre Rösser an und flogen auf das Schloß zu. Dabei ließen sie ihn keine Sekunde lang aus den Augen, die Imbruch hinter den Sehschlitzen nur erahnen konnte. Gleich einer gefräßigen Feuersbrunst hatten die Ritter binnen weniger Sekunden das Schloß erreicht. Als einer der Bogenschützen auf Imbruch anlegte und unmittelbar darauf das Fensterglas splitterte, konnte Imbruch sich gerade noch geistesgegenwärtig zur Seite drücken, als der Pfeil auch schon an ihm vorbeizischte. Keine Frage: Sie hatten es auf ihn abgesehen!

Imbruch sprang auf und raste auf die Tür zu, während er zugleich nach Hilfe schrie. Die Reisegruppe mußte doch noch in der Nähe sein und auch den Lärm der heranstürmenden Rösser gehört haben. Vielleicht aber auch nicht, immerhin waren alle außer der Rothaarigen schon ziemlich alt und hörten möglicherweise schlecht. Endlich war er an der Tür angekommen, riß sie auf – und prallte zurück. Vor ihm standen sechs zerlumpte, übelriechende Gestalten, aus deren unrasierten Gesichtern ihn tiefliegende Augen mordlustig anfunkelten. Da hob der erste von ihnen, Imbruch wußte sofort, daß es sich um den Anführer der Räuber handeln mußte, sein Kurzschwert und holte aus. Imbruch schreckte beiseite, der tödliche Hieb verfehlte ihn nur um Haaresbreite, und die sechs Räuber fegten über ihn hinweg zur anderen Seite des Raumes, wo sich eine weitere Tür befand. Durch diese waren sie kaum verschwunden, als der Lärm der die Treppe hochstampfenden Ritter Imbruch aufs neue hochschreckte. Er zweifelte keinen Moment daran, daß diese ihn an Ort und Stelle mit ihren Hieben niedermetzeln würden. Daß sie an seiner Kleidung erkennen müßten, daß sie dem Falschen nachjagten, beruhigte ihn keineswegs. Also rappelte er sich auf und stürmte seinerseits zu der Tür, hinter der die Räuber soeben verschwunden waren. Sie gerade erreicht habend, hörte er hinter sich wütendes Gebrüll und zwei Pfeile bohrten sich Millimeter neben seinem Kopf in das Türholz, wo sie zitternd steckenblieben. Imbruch schaffte es, unbeschadet aus dem Raum zu kommen. Vor ihm tat sich ein Treppenhaus auf und Imbruch stürzte ohne nachzudenken die enge Wendeltreppe hinunter. Er hatte gerade mal eine Rundung geschafft, als er hörte, wie oben die Tür aufgerissen wurde und die fürstlichen oder gar kaiserlichen Ritter, Imbruch vermochte es wirklich nicht zu sagen, ihm hinterherstürmten. Panische Angst packte Imbruch, am liebsten hätte er losgeheult wie ein kleines Kind, aber der Lärm der näherkommenden Ritter ließ ihm keine Zeit dazu. Endlich unten angekommen, schrie alles in ihm nach Luft. Zwei Türen gab es hier unten. Für welche sollte er sich entscheiden? Er riß die zu seiner Linken auf, ein kleiner Raum lag vor ihm – mitsamt den sechs Räubern und Mördern des jungen Fürsten. Sie starrten Imbruch auf eine Weise an, die ihm klarmachten, daß sie zwischen ihm und dem Fürst keinen Unterschied machen würden, sollte er nicht sofort verschwinden. Also drehte er sich um, hörte, wie die Tür hinter ihm zugezogen wurde, während er bereits die Stiefelspitze des ersten das Erdgeschoß erreichenden Ritters auf dem Treppenabsatz zu erkennen glaubte. Er riß die nächste Tür auf, stürzte hinaus – und wurde von einer kräftigen Hand nach rechts weggerissen. Imbruch spürte einen stechenden Schmerz in seiner rechten Hüfte, als er auf steinigen Boden prallte. Wimpernschläge später stürmten zuerst die Räuber an ihnen vorbei, gefolgt von den Rittern, deren haßerfüllte Wut Imbruch förmlich zu riechen meinte. Allesamt verschwanden sie in dem Getreidefeld, während Imbruch befürchtete, im nächsten Moment ohnmächtig zu werden. Da erkannte er über sich das Gesicht einer schönen jungen Frau, deren rotgoldenes Haar von einem Diamantreif gehalten wurde.

"Wer – wer sind Sie?" fragte Imbruch sie erschöpft.

"Die Gemahlin des Fürsten", antwortete sie mit trauriger Stimme. "Ich bin den Mördern meines geliebten Mannes in letzter Sekunde entkommen. Sie wollten mir gerade Gewalt antun, als die Ritter kamen und mich gerettet haben. Ich bin die einzige Überlebende des grausamen Gemetzels. Aber leider konnten die Mörder meines Gatten entkommen. Doch seitdem werden sie von den edlen Rittern gejagt."

Obschon die traurige Stimme der schönen Fürstin von ihrem Schmerz kündete, flößte sie Imbruch nichtsdestotrotz neuen Mut ein. Er schien es noch einmal geschafft zu haben. Müde schloß er seine Augen vor der ihn blendenden Sonne. Da fiel ihm ein, daß er der Fürstin dafür, daß sie ihn gerettet hatte, danken mußte.

"Wie kann ich Ihnen dafür danken, daß sie mich gerettet haben?"

"Trinken Sie erst mal einen Schluck", sagte eine fremde  Stimme zu ihm, die er schon einmal gehört hatte. Imbruch schlug die Augen auf und erkannte das Gesicht der hübschen Reiseleiterin. Er nahm einen Schluck Wasser aus dem Glas, das sie ihm an die Lippen hielt. Um sie herum hatten sich die Mitglieder der Reisegruppe über ihn gebeugt. Teils mißtrauische, teils mitfühlende Blicke verrieten Imbruch, daß sie nicht so recht wußten, was sie von der ganzen Sache halten sollten.

"Wie … wie kommt es …?"

"Als Sie plötzlich an uns vorbeigerast sind, ahnte ich sofort, daß irgend etwas mit Ihnen nicht stimmte. Vielleicht die Hitze, vielleicht etwas anderes. Ich weiß es nicht. Dann fanden wir Sie hier unten, auf dem Boden liegend. – Wie geht es Ihnen jetzt?"

"Schon besser, danke", antwortete Imbruch, der sich bereits ein wenig zu schämen begann. Plötzlich drängte sich jedoch ein Gedanke in seinen Sinn. Ruckartig setzte er sich auf und bahnte sich durch Gesten mit beiden Händen ein Spalier in die Reisegruppe, bis er einen freien Blick auf das Getreidefeld hatte. Und tatsächlich: Am Rande des Felds entdeckte Imbruch eine Bresche, die vorher noch nicht dagewesen war. Sie reichte tief in das große Feld und sah aus, als wäre sie von einer größeren Gruppe Menschen oder Tiere hineingestampft worden.

 

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