Der Regen hatte endlich aufgehört. Drei Tage lang nur Wasser, Wasser, Wasser. Die Sonne verscheuchte die letzten Wolken, ließ die verdunstenden Wasserlachen ein letztes Mal glitzern.
Kornbad holte die zweiläufige Schrotflinte aus dem Futteral, das neben der Haustür hing. Er kippte den Lauf nach vorne. Sie war geladen. Sie war immer geladen. Kornbad wußte es und schaute trotzdem jedesmal aufs neue nach, bevor er zu seinen Kontrollfahrten aufbrach. Doch an diesem Freitag tat er es mit einem unguten Gefühl. Irgend etwas war im Anzug. Kornbad schaute zum Fenster hinaus. Vielleicht rührte das ungute Gefühl vom schlechten Wetter her. Aber jetzt schien die Sonne. Und in den letzten Tagen war nichts passiert. Doch das Gefühl blieb.
Kornbad öffnete die Tür, trat ins Freie, schloß hinter sich ab, wodurch er gleichzeitig die Alarmanlage scharfmachte. Er ging hinter das kleine Haus zu dem überdachten Stellplatz, wo der alte Mercedes 230 CE stand. Kornbad musterte den dunkelblauen Lack. Wie neu, dachte er, es geht eben nichts über eine gute Pflege. Das hatte sein Vater immer gesagt. Er hatte recht gehabt. Und ihm am Sterbebett das Versprechen abgenommen, den Wagen weiterhin so zu pflegen, wie er es getan hatte, und somit auch seine Eltern in Ehren zu halten. Dann hatte er genug gehabt, auf den Knopf gedrückt und war gestorben. Seine Frau war ihm ein Jahr später gefolgt, weil sie, wie sie sich ausdrückte, keine Lust hatte, allein ins nächste Jahrtausend zu gehen. Nur noch vier Monate hatten ihr dazu gefehlt. Einen anderen Mann zu ehelichen war ihr nicht in den Sinn gekommen. Es hatte sie bereits Überwindung gekostet, sich einmal an einen Mann zu binden. Die Frauen waren damals vor zehn Jahren so gewesen.
Kornbad schloß den Wagen auf, stieg ein, steckte die Schrotflinte in die Halterung auf dem Fußboden des Beifahrersitzes, von wo er sie blitzschnell herausreißen und benutzen konnte. Dann startete er den Motor und fuhr ins Freie. Als die Sonne ihn blendete, klappte er die Sonnenblende hinunter. Es nützte nicht viel, da die Strahlen genau auf die Motorhaube knallten und von dort in seine Augen. Er lenkte den Mercedes nach links, so daß die Sonne nun auf die Beifahrerseite fiel. Er hielt an. Zwischen Motorhaube und Sonnenblende schaute er wie durch ein zu großes Visier auf das weite Land vor sich. Er sah die verdampfende Nässe in der Luft schweben, in weiter Ferne das Haus seines Nachbarn Becker und überall die Satellitenschüsseln auf den zehn Meter hohen und mit Elektrozäunen gesicherten Podesten. Hier draußen, wo alles topfeben war, brauchten sie keine höheren Podeste, weil es keine hohen Häuser gab. Sie waren nicht erlaubt. Noch nicht. Kornbad hatte läuten hören, daß sich das bald ändern sollte. Ihm war das egal. Und wenn es ihm zu dumm wurde, legte er sich eben auch auf das Sterbebett und drückte den Knopf. Das tat jeder, wenn er die Zeit dafür gekommen sah. Warum sollte ausgerechnet er sich dann länger als nötig quälen?
Kornbad tippte die Geschwindigkeit ein, mit der er seine Kontrollfahrt beginnen wollte. Sofort setzte sich das leicht gepanzerte Fahrzeug der Kontrollklasse IV mit mäßiger Geschwindigkeit in Bewegung. Dank des noch nassen Bodens bildete sich dieses Mal keine Staubfahne hinter ihm. Kornbad lächelte zufrieden, als er das Haus im Rückspiegel kleiner werden sah. Er liebte diesen Anblick. Wollte er überhaupt noch eine Frau? Er hatte doch alles: ein Haus, ein Auto, einen Beruf. Und wenn er zurückkam, würde der Überlebenscontainer vor dem Haus mit allem, was er seit der letzten Lieferung vor einer Woche verbraucht hatte, wieder aufgefüllt sein. Wozu also eine Frau? Wenn er an die Ehe seiner Eltern dachte, konnte er auch allein allein sein. Und für ein Kind fühlte er sich mit seinen vierzig Jahren zu alt. Aber darüber hatte er ja sowieso nicht zu bestimmen, seit die Frauen vor fünf Jahren das alleinige Verfügungsrecht über die Geburt, das Geschlecht und die Erziehung von Kindern im Grundgesetz hatten verankern können. Es war ohne großes Aufheben über die Bühne gegangen. Warum auch nicht? Sie hatten schließlich schon immer das letzte Wort darüber gehabt. Er störte sich nicht daran. Seit damals, als seine Mutter ihm auf seine kindliche Frage, ob denn sein Vater wirklich sein Vater sei, geantwortet hatte, daß ihn das nichts anginge. Sein Vater dagegen hatte auf dieselbe Frage nur hilflos mit den Schultern gezuckt und damit mehr gesagt, als ihm lieb war.
Kornbad war an der Kontrollbereichsstraße B-II-5 angekommen. Er überlegte, in welcher Richtung er abbiegen sollte. Eigentlich ist es egal, wo ich hinfahre, dachte er. Ein Mann ohne Vater fährt immer in die falsche Richtung. Ich sollte nicht soviel darüber nachdenken. Welcher Mann weiß schon, wer sein Vater ist?
Von rechts kam ein Auto. Kornbad erkannte zwei Insassen, einen Mann auf der Beifahrerseite, eine Frau am Steuer. Sie beachteten ihn nicht. Ein Blick auf das Kennzeichen sagte Kornbad, daß sie aus der Stadt waren. Automatisch tippte er es in den kleinen Bordcomputer ein und drückte die Speichertaste. Dann bog er nach rechts ab. Er wäre nie nach links abgebogen, hatte das noch nie getan. Es war diese eine Seite, die ihn nichts anging. Das ungute Gefühl war immer noch nicht verschwunden.
Zehn Minuten später kam er an den dritthöchsten Hügel in der ganzen Gegend und den zweithöchsten seines Kontrollbereiches. Kornbad umfuhr ihn, um dann an der kurz darauf auftauchenden Einmündung zur B-II-7 rechts abzubiegen. Er tippte eine neue, höhere Geschwindigkeit ein und fuhr weiter. Die rechte Straßenhälfte gehörte noch zu seinem Kontrollbereich, der eine Fläche von 144 Quadratkilometern umfaßte. Die Kontrollbereiche der B-Klasse kamen alle auf dieselbe Ausdehnung. Sie hatten herausgefunden, daß es so für die Straßenbauplanung am günstigsten war. Allerdings stand eine Erweiterung auf 169 Quadratkilometer demnächst ins Haus. Es mußten einfach zu viele Kräfte in die Städte abgezogen werden. Kornbad war froh, daß er nach dem Tod seines Vaters dessen Kontrollbereich hatte übernehmen dürfen. Letztendlich hatte er es seiner Mutter zu verdanken, die ihre guten Beziehungen zur Chefin der B-Klasse spielen ließ. Und als sie dann ebenfalls den Knopf gedrückt hatte, überließen sie ihm den Bereich, damit sich die wenigen Frauen in dieser trostlosen Gegend nicht schon wieder an ein neues Männergesicht gewöhnen mußten. Dabei bildete er sich keineswegs ein, seine Mutter hätte es ihm zuliebe gemacht. Ihre Abneigung gegen das Stadtleben war der ausschlaggebende Grund gewesen. Kornbad wußte, daß seine Mutter damit eine Ausnahme gewesen war; die meisten Frauen zog es in die Stadt. Nachdem es dort jedoch immer schlimmer zuging, begann sich diese Entwicklung langsam aber sicher umzukehren. Kornbad waren die fremden Frauen selbstverständlich aufgefallen, die immer zahlreicher hier in der Gegend auftauchten. Es waren nicht nur sympathische Gesichter darunter. Und nach dem Raubüberfall auf die alleinstehende Veronika Semmer, der von zwei Frauen begangen worden war, wurde in der Chefinnen-Etage anscheinend erstmals davon gesprochen, daß die auf dem Lande zahlreicher vertretenen männlichen Bereichswächter zukünftig sogar Frauen kontrollieren dürften. Kornbad konnte keine Genugtuung darüber empfinden.
"Es wird Ärger geben!" hatte er zu Becker gesagt.
"Du hast recht. Besonders, wenn ich daran denke, wie es in den Städten zugeht."
Becker kam aus einer Stadt, in der er als männlicher Untergebener M/B-II-593/IS eine weibliche Vorgesetzte auf ihren Sicherungsstreifen begleitet hatte. Seine Codierung besagte, daß er als männliche Hilfskraft Nummer 593 für Sicherungseinsätze in der B-II-Klasse, Innenstadt, geeignet war. Kornbads eigene Code-Nummer lautete M/B-II-85/L, wobei das L für Land stand. Auch standen die Namen Kornbad und Becker nicht für ihren Familiennamen, sondern sie bezeichneten die Planquadrate ihres Kontrollbereiches. In Wirklichkeit hieß Kornbad Hans-Peter Gröner und Becker Rolf Merz. Doch bei Androhung langjähriger Freiheitsstrafen war es ihnen aufs Strengste verboten, sich mit ihren Namen zu erkennen zu geben. Dadurch wurde vermieden, daß sich die Frauen außer an neue Gesichter auch noch an neue Namen gewöhnen mußten. Eine persönliche Identifikation der Männer war natürlich trotzdem möglich, da sie ihre je nach Einsatzgebiet unterschiedlichen Code-Nummern auf den Rücken eingebrannt bekamen. So konnte man den ganzen beruflichen Werdegang eines Mannes auf seinem Rücken ablesen. Dank der Beziehungen seiner Mutter hatte Kornbad erst eine Nummer auf dem seinen. Nicht, daß ihm die etwas schmerzhafte Prozedur etwas ausgemacht hätte. Nein, ihm gefiel es hier nur einfach zu gut, als daß er woandershin wollte.
Hinter ihm tauchte ein Auto auf. Kornbad war gerade am höchsten Hügel in seinem Bereich angelangt. Zu seiner Linken erstreckten sich Wiesen, durch deren sattgrünes, kniehohes Gras Wasserperlen glitzerten. Kornbad tippte auf die Bremse, wurde langsamer. "Es ist nicht gut, wenn jemand hinter dir steht", sagte er leise vor sich hin.
Das Auto kam zwar näher, überholte ihn jedoch nicht. Ich bin zu mißtrauisch, dachte Kornbad. Sie haben einfach keine Lust, schnell zu fahren. Und wenn es Frauen sind, geht es mich sowieso nichts an. Ich werde ihre Nummer eingeben und dann ist die Sache für mich erledigt. Sollten es dagegen Männer sein, werde ich sie anhalten und kontrollieren, wie die vielen anderen vor ihnen auch. Es macht mir nichts aus und ihnen wird es auch nichts ausmachen. Sie müßten es gewöhnt sein, schließlich werden sie in der Stadt an jeder Straßenecke angehalten und kontrolliert. Und daß sie aus der Stadt kommen, sehe ich an ihrem Kennzeichen.
Was Kornbad aber nicht sehen konnte, war, ob der Fahrer ein Mann oder eine Frau war, nicht einmal, ob es einer oder mehrere Insassen gab. Die Scheiben des tiefliegenden Sportwagens waren genauso schwarz wie die Wagenfarbe.
"Los, kommt und zeigt mir, ob ihr Männer oder Frauen seid", fluchte Kornbad in den Rückspiegel. "Ich will keinen Fehler machen. Ich weiß, wie ich mich verhalten muß, ob ihr Frauen seid oder Männer. Aber, verdammt noch mal, ihr müßt mir zeigen, was ihr seid."
Urplötzlich schoß der Wagen nach vorne. Sekundenbruchteile später war er auf gleicher Höhe mit Kornbad. Doch auch jetzt konnte er nicht erkennen, wer in dem Auto saß. Er beschleunigte seinen Mercedes, aber es dauerte wieder nur Sekundenbruchteile und der andere war wieder da. Kornbad versuchte alles: bremsen, Gas geben; einmal blieb er sogar abrupt stehen. Es nützte nichts. Da zog er die Schrotflinte aus der Halterung und legte sie sich über die Knie. In diesem Moment rammte ihn der Sportwagen zum ersten Mal. Der Aufprall hätte Kornbad beinahe von der Straße gefegt. Im letzten Moment konnte er den Wagen abfangen. Beim nächsten und den darauffolgenden Malen ließ er sich jedoch nicht mehr überraschen.
Vor ihnen tauchte eine Rechtskurve auf. Das ist gut für mich, dachte Kornbad. Ich werde fahren und nicht nachgeben. Dann werden wir ja sehen, wie es in der Kurve weitergeht. Es wird weitergehen. Es geht immer weiter.
Unmittelbar vor der Kurve rammte der schwarze Sportwagen Kornbad erneut. Diesmal war der Aufprall allerdings so wuchtig, daß Kornbad die Beherrschung über seinen Mercedes verlor. Ohne etwas dagegen ausrichten zu können, drehte der Wagen sich mehrmals um die eigene Achse, während Kornbad im Innern hilflos hin- und hergeworfen wurde.
Irgendwann stand er. Der Motor war abgestorben. Benommen blieb Kornbad sitzen. Die Schrotflinte lag mit nach oben gerichteter Mündung zwischen seinen Schenkeln. Kornbad schluckte, als er begriff, daß sie hätte losgehen können. Er drückte den Lauf von sich weg. Dann hörte er von rechts das Geräusch durchdrehender Reifen. Er schaute zur Beifahrerseite hinaus und entdeckte den schwarzen Sportwagen. Er stand inmitten einer Wiese und steckte fest.
Kornbad wollte sich gerade über den Anblick freuen, als die Türen des Sportwagens aufgingen. Zwei vollkommen schwarz gekleidete Gestalten stiegen aus und begannen durch den morastigen Untergrund in seine Richtung zu stapfen. Kornbad spürte Panik in sich hochsteigen. Während er die zwei anstarrte, drückte er hektisch auf den Starterknopf. Einmal, zweimal. Beim dritten Mal, die zwei waren bereits bis auf wenige Meter herangeeilt, sprang der Motor endlich an. Kornbad jagte ein Stoßgebet nach oben und tatsächlich: Der Mercedes setzte sich sofort in Bewegung. Rasch vergrößerte sich der Abstand zwischen ihm und den beiden. Kornbad hatte selbst in dem Moment, als sie ihn fast schon erreicht hatten, nicht erkennen können, ob es Frauen oder Männer war. Es ist nicht wichtig, dachte er. Er drehte sich noch einmal um und lächelte, als er die zwei Gestalten immer kleiner werden sah. Ihr habt euch übernommen! Dann schaute er wieder geradeaus. Und da sah er sie: Tausende von schwarzen Sportwagen. In geschlossener Formation kamen sie ihm entgegen.