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Marlene strickt eine Leiche
 
 
 
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Kurzgeschichte von Klaus Schuker

Sobald es Marlene gelang, Menschen oder Gegenstände zu ver­niedlichen, die ihr Angst einjagten, wuchs ihr Mut. Schon als Kind hatte sie ihre Ängste aufgelöst, indem sie einfach auf den nächstbesten Baum oder den alten Holzschuppen neben dem Haus geklettert und der Ge­gen­stand ihrer Angst von einer Sekunde auf die andere klein und nichtig geworden war. Manchmal reichte ihr auch die nächst­liegende Anhöhe aus, die sie mit ihren flitzenden Nadel­beinen erklomm. Freilich war sie oft genug gezwungen gewesen, stundenlang in diesen Höhen auszuharren, bis der Anlaß ihrer Angst endlich verschwunden war.

Marlene beugte sich über die handgroße Lehmpuppe und be­äugte sie aufmerksam. Dann nahm sie die nächste Nadel, hielt gespannt den Atem an, um sie dann sorgsam in das linke Fußge­lenk zu drücken. Damit hatte sie die Puppe an den Füßen fest­gemacht. Diese rührte sich nicht und gab auch keinen Ton von sich.

Ted war genauso. Ted war ihr Mann. Aber Ted war auch der Mensch, der sich am meisten von allen über ihre Ängste und den angeblichen Voodoo-Mist lustig machte. Dabei konnte er ihre Erfolge beim besten Willen nicht bezweifeln. Marlene bedauerte noch heute, daß sie Ted am Anfang ihrer Liebe von dieser Magie erzählt und ihm einmal dabeizusein erlaubt hat­te. Sicher, Frau Brahm­stedt lebte noch. Aber das war kein Wunder, schließlich hatte Marlene der Brahmstedt-Puppe kei­ne tödlichen Stiche versetzt. Gleichwohl war das für Ted Beweis genug dafür gewesen, daß sie in ihrer Kindheit wohl zuviel Schund­roma­ne gelesen hatte und darüber hinaus eine ausge­prägte Phan­tasie besäße. Diese Mißachtung von Ted ihr gegenüber wurde auch durch seine Behauptung nicht aufge­wogen, daß er sie nicht zuletzt dieser Phantasie wegen liebte und schlußendlich geheiratet hätte. Er sagte es immer mit so einem anzüglichen Grinsen, so daß ihr von Anfang an klar war, wie er das meinte.

Mit den nächsten beiden Nadeln durchstach Marlene die Schultern der Puppe. Auch das ließ diese gelassen über sich ergehen. Indes wußte Marlene nur zu gut, welche Schmerzen Ted in diesen Sekunden tief in seinem Inneren an genau diesen Stellen in Wirklichkeit ertragen mußte.

Eigentlich hatte sie die Puppe recht gut hinbekommen, die Ted darstellen sollte. Auch er war mit den Jahren ein wenig aus der Form geraten. Nur seine prächtigen Haare hatten sich nicht im geringsten verändert; schwarz und kräftig bildeten sie auch für die Augen von anderen Frauen viel zu oft einen Blickfang.

Wenn Ted jetzt mitbekäme, was sie gerade mit der Ted-Puppe anstellte, würde er wahrscheinlich nicht mehr über sie la­chen. Aber bis er wieder in ihr Leben eintrat, hatte sie noch genügend Zeit, um ihm ausreichend Schmer­zen zuzufügen. Be­stimmt würde er sich dann in Zukunft davor hüten, ihr andeu­tungsweise mit Trennungsabsichten zu kommen. Er würde lernen, sich ihr gegenüber richtig zu benehmen. So wie es auch der Nachbarsjunge Martin gelernt hatte. Seitdem sie in die ihn darstellende Puppe zwei Stunden lang Nadeln gestoßen hatte, war es ihm nie mehr eingefallen, ihr seinen Sitzplatz im Bus nicht anzu­bie­ten, wenn alle anderen besetzt waren. Vielleicht sollte sie wieder öfter mit dem Bus fahren, um ihn zu einem Fehler zu veranlassen. Andererseits hatte sie genug Arbeit mit all den anderen, die sie auf alle mög­lichen Arten belei­digten oder sie gar tief in ihrem Inneren verletzten. Aber bis jetzt hatte sie noch jeden mit ihrer Rache getroffen. Keiner entkam ihr; die Zahl der Kranken in ihrer Umgebung nahm zu, wie sie aus vie­len belauschten Gesprächen erfahren hatte. Manche deute­ten in solchen Plaudereien und Unterhal­tungen ihren Ge­sprächspartnern gegenüber zwar an, daß sie sich den einen oder anderen Schmerz vielleicht nur einbilde­ten, weil die Ärzte nichts feststellen konnten. Doch wenn es sich um Opfer ihrer Puppenrache handelte, lachte Marlene immer nur stillvergnügt und zufrieden in sich hinein, wußte sie schließlich als einzige über die wahren Hin­tergründe Bescheid.

Auch in Teds Kehle flutschte die Nadel reibungslos hinein. Sie würde sein Lästermaul zum Verstummen brin­gen.

Jemand kam die Treppe zum fünften Stockwerk hoch. Marlene horchte gespannt. Doch die Schritte tappten weiter, verloren sich in einem der oberen Stockwerke. Marlene überlegte, wie Ted wohl reagieren würde, wenn er von dieser Sache etwas mitbekäme. Würde er sie schlagen? Oder die Puppe zerstören? Oder sofort seine Koffer pa­cken? Oder einen Arzt anrufen? Sie lachte leise auf. Hatte sie bereits soviel Angst vor Ted, daß sie sogar an der Macht ihrer Puppen zweifelte? Sammelte sich heute abend all die Angst ihres Lebens in diesem einen Menschen? So wie die Ted-Puppe vor ihr lag, würde Ted nichts von alledem mehr unterneh­men können und nur noch froh sein, nach Hause zu kommen, um sich von ihr pflegen zu lassen. Dafür war sie noch immer gut genug gewesen. Glücklicherweise konnte Ted sie heute nicht überraschen, da sie absichtlich ihren Schlüs­sel von innen im Tür­schloß stecken gelassen hatte. Also war er gezwungen, zu klingeln, und ihr blieb genügend Zeit, alles Verräte­rische zu verstecken.

Urplötzlich fühlte Marlene Haß in sich hochsteigen. Warum nur mußte sie dieses nur aus Angst bestehende Leben führen? Was hatte sie jemals falsch gemacht, daß die anderen es sich erlauben konnten, sie zu ängstigen und zu verletzen, wo immer und wann immer es nur ging? Sie hatte doch schon als Kind jeden Streit und Kampf vermieden, sich davongemacht und den anderen damit recht gegeben. Was wollten sie denn noch mehr? Ihr Leben? Nein und nochmals nein - das würden sie nicht be­kommen! Und deshalb würde sie sich heute abend stellvertre­tend für alle an Ted rächen. Immerhin wäre es seine Aufgabe gewe­sen, sie vor dieser schrecklichen Welt mit ihren bösen Menschen zu beschützen. Und er hatte genau das zu Beginn ihrer Liebe auch versprochen, nachdem sie ihm in ihrem grenzenlosen Vertrauen oft genug gesagt hatte, daß sie häufig unter Angstzuständen litt.

Ihr Haß er­reichte seinen Höhepunkt. Sie kannte sich selbst nicht mehr. Marlene packte zwei Nadeln gleichzei­tig und ramm­te sie mit voller Wucht in Teds Unterleib und Herz.

Genau in diesem Moment klingelte es an der Tür. In Marle­nes Gehirn drang es mit einem Lärm, als hätten sämtliche Kirchenglocken und Sirenen der Stadt auf ein­mal losgelegt, und es wirkte, als hätte jemand einen Eimer Eiswasser über ihren Kopf geschüttet. Marlene überlegte krampfhaft, wer der Besucher sein könnte. Und just in dieser Sekunde verwandelte sich die Ted-Puppe wieder in ihren mit Schlaftabletten vollgepumpten Ted, der vor ihr auf dem Bett lag mit all den Stricknadeln, mit denen sie ihn aufge­spießt hatte. Aus den Einstichstellen drang Blut, das seine Kleidung rot zu färben begann.

 

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